„Arbeiter ist heute ein abgewerteter Status“

Interview mit dem Autor Klaus Dörre über Arbeiter und die radikale Rechte

Klaus Dörre ist seit 2005 Professor für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er gilt als angesehener Experte seines Fachgebiets. Am 23. und 24. November ist er zu Gast im Land Bremen und liest aus seinem Buch „In der Warteschlange: Arbeiter*innen und die radikale Rechte“.

20. Dezember 2021
Fragen: Anna Zacharias
Foto: Canva

Man sagt, es seien vor allem männliche Arbeiter, die rechte Positionen vertreten. Sie zeichnen ein komplexeres Bild, in dem es sowohl gering verdienende Prekäre gibt, die einen rebellischen Rechtspopulismus vertreten sowie gewerkschaftlich abgesicherte Facharbeiter und auch gut verdienende Ingenieure, die AfD wählen. 
Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass die Mehrheit der Arbeiter*innen immer noch nicht rechts ist, insbesondere bei Frauen ist das nicht der Fall. Im engeren Sinne sind Frauen in der Arbeiterschaft allerdings auch unterrepräsentiert, das muss man dazu sagen. Aber ja, die radikale Rechte mobilisiert Unterstützung aus allen Klassen und Schichten der Gesellschaft. Innerhalb der Arbeiterschaft gibt es aber überdurchschnittlich starke Sympathien für die AfD.  

Sie sagen, die sozioökonomische Lage sei dabei weniger entscheidend als vielmehr ein Gefühl der Abwertung. Woher kommt das?
Beides ist wichtig. Arbeiter ist heute ein abgewerteter Status. „Das wird man nur, wenn man es muss, wer kann, studiert oder arbeitet im Büro“, heißt es. Man gründet auf den Arbeiterstatus keine kollektive Aufstiegshoffnung mehr, wie es noch am Ende der 1950er Jahre der Fall war. Im Zuge der 1968-Bewegungen wurde die Arbeiterklasse zwar kurzzeitig neu entdeckt, doch zahlreiche Studien zeugten alsbald von einem individualisierten Arbeiterleben. Von gemeinsamer Aufstiegshoffnung war nichts mehr zu spüren. Heute sagt man ungern, dass man Arbeiter ist, man bezeichnet sich lieber als Mittelschicht, das heißt man verleugnet im Grunde seine eigene Klassenposition. Manche kompensieren ihren als abgewertet empfundenen Status mittels Abwertung anderer. Sie setzen Ressentiments gegen Migranten oder Hartz-IV-Bezieherinnen als Mittel im Kampf um Statusverbesserungen oder Statuserhalt ein.   

Und dann kommen die Geflüchteten.
Bei denen, die zur radikalen Rechten neigen, finden wir Variationen einer immer gleichen Tiefengeschichte. Man selbst sieht sich in einer Warteschlange am Fuße des Berges der Gerechtigkeit. Ständig werden die Wartenden vertröstet, denn es gibt immer neue Gründe, die den Aufstieg verzögern. Dann kommen die Geflüchteten und ziehen an einem vorbei, ohne dafür etwas leisten zu müssen – so das Empfinden. Dabei geht es vielen nicht pauschal um die Ausländer allgemein, sondern um die, „die kommen, weil es gerade einen Krieg gibt“ oder die aus wirtschaftlicher Not ihr Land verlassen. „In unserem Dorf ist kein Arzt mehr, der Zug hält nicht mehr, der letzte Supermarkt schließt, aber die bekommen alles und wir schauen in die Röhre“ – dieses Bild hat sich verfestigt. Dabei sind die Stadt-Land-Unterschiede nicht zu vernachlässigen. Vor allem in Gegenden mit weniger Migranten reicht eine Messerstecherei oder ein Fall einer deutschen Familie, die für ein Geflüchtetenquartier umziehen muss, um das Narrativ zu bedienen, das natürlich dann von der radikalen Rechten befeuert wird. Und je geringer die Zahl der Migranten, desto stärker die Hetze und die Ablehnung. Wenn aber direkte Kontakte im Betrieb und der Nachbarschaft da sind, werden aus abgelehnten Fremden auf einmal Kollegen und Bekannte.

Friedrich-Schiller-Universität Jena

„Mein Eindruck war, dass anders als in anderen Gegenden die Arbeiterschaft in Bremen nicht so aus dem Blickfeld geraten ist. (...) die Ansprache von links ist stärker als im Osten. Dort fühlt man sich als Arbeiter, Mann und „Ossi“ mehrfach abgewertet."

Klaus Dörre gilt als Experte für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie und stößt öffentliche Debatten an zu den Themen prekäre Beschäftigung, digitale Arbeitswelt, Klassismus und rechtsradikale Einstellungen

Wie kippte dieses Bewusstsein? 
Ein Betriebsrat sagte mir einmal: „Ich habe für meine Familie abzüglich aller fixen Kosten 1000 Euro zum Leben. Da ist kein Urlaub drin und kein schöner Restaurantbesuch. Aber ich habe gelesen, jeder Deutsche bekommt im Schnitt mindestens 3.000 Euro – bin ich kein Deutscher?“ Das Deutschsein steht hier sowohl für den Anspruch auf Gleichbehandlung als auch für einen Modus der Bevorzugung: „Deutsche zuerst!“, lautet die Konsequenz. 

Und die Linke hat es verpasst, diese Menschen zu erreichen? 
Bei der Partei Die Linke weiß man häufig nicht, woran man ist. Wen meint man da, Sahra Wagenknecht oder Janine Wissler? Beide verkörpern sehr unterschiedliche Positionen. Eine Folge ist, dass die Linkspartei bei Arbeitern und Gewerkschaftsmitgliedern überdurchschnittlich verloren hat. Dieses Problem hatte jahrelang auch die SPD. Bei der Bundestagswahl hat sie in diesen Gruppen erstmals wieder leicht zugelegt. Noch auffälliger ist freilich die übergroße Wahlabstinenz innerhalb der Arbeiterschaft. Soweit das mit einer Protesthaltung zu tun hat, geht es nie nur um das Materielle, um Umverteilung, sondern es spielt immer auch ein kultureller Konflikt eine Rolle. Man grenzt sich von Ökologen und Feministen ab, weil man sich mit einem moralischen Überlegenheitsgestus konfrontiert sieht, der den eigenen Lebensentwurf abwertet.

Wie kommt das? 
Es besteht der Eindruck, diese Positionen kämen aus einer privilegierten Klassenposition. Ein junger Gewerkschafter sagte mir, er sei nicht gegen Emanzipation, wolle aber, dass sich seine Frau um die Kinder kümmert. Seine Glücksvorstellung ist der 3er-BMW. Dann kommen die Grünen, die ihm sagen, dass das alles falsch ist. Die selbst fahren aber mit verrosteten Karren in den Wald und blasen Abgase in die Luft. Da wird eine gewisse Doppelmoral bemängelt. Zugleich macht sich ein Konformismus bemerkbar, wie er für Arbeitermilieus häufig typisch war und teilweise noch immer ist. Man duldet keine Abweichung. Migranten sind okay, solange sie sich konform verhalten und anpassen. Ist das nicht der Fall, gelten sie als Störenfriede, die möglicherweise gar die Voraussetzungen für Arbeitssolidarität untergraben. 

Sind rechte Tendenzen unter Betriebsräten und in Gewerkschaften Ihren Erkenntnissen nach mehr vertreten als in der breiten Masse? 
Nein, die Mehrheit ist tatsächlich eher links im Vergleich mit der Gesamtgesellschaft. Aber gewisse Ressentiments hat es trotzdem immer schon gegeben. Eine empfundene Schwächung der eigenen Position als Arbeitnehmervertretung durch billigere ausländische Arbeitskräfte, zum Beispiel durch befristet Beschäftigte bei der Post, die sich nicht organisieren wollen, liefert den Problem-Rohstoff. Während in der Automobilbranche eine multinationale Arbeiterschaft schon lange Realität ist, ist sie in ehemaligen Staatsunternehmen wie der Post, der Telekom oder der Bahn relativ neu, da sind noch dicke Bretter zu bohren. Im Osten ist die Situation noch mal eine andere, da sind die rechtsradikalen Tendenzen unter den Gewerkschaftsmitgliedern noch stärker ausgeprägt als im Westen. 

Das Land Bremen ist nicht gerade für seinen Wohlstand bekannt, trotzdem hat die radikale Rechte kaum eine Chance – wie erklären Sie sich das?  
Ich habe vor einiger Zeit in Bremerhaven eine Studie zu Hartz IV gemacht und mein Eindruck war, dass anders als in anderen Gegenden die Arbeiterschaft in Bremen nicht so aus dem Blickfeld geraten ist. Dabei greifen einige Besonderheiten ineinander: Es ist ein Stadtstaat, es gibt noch immer Großbetriebe, das Gewerkschaftsmilieu ist resistenter, es gibt Einrichtungen wie die Arbeitnehmerkammer, das Abwertungsempfinden ist nicht so stark ausgeprägt und der antifaschistischen Grundkonsens ist in der Zivilgesellschaft stark verankert und mobilisierungsfähig. Ich will das nicht idealisieren, aber die Ansprache von links ist stärker als im Osten. Dort fühlt man sich als Arbeiter, Mann und „Ossi“ mehrfach abgewertet. Die Gewerkschaftssekretäre sind zum Teil Wessis und es prallen unterschiedliche Weltsichten aufeinander. 

Was können dann angemessene Strategien sein? Wird einfach zu viel über das Gendersternchen geredet, wie Sahra Wagenknecht bemängelt?
Die Gender-Debatte ist nicht das entscheidende Problem, es wäre die falsche Konsequenz, diese Themen runterfallen zulassen. Aber es ist etwas dran an dem Vorwurf, die mittleren Schichten, die sich nachhaltig produzierte Produkte kaufen können, projizierten ihre Vorstellung mit einer gewissen Herablassung auf andere. Beim Braunkohlekonflikt in der Lausitz hat sich das beispielsweise gezeigt, als eine Grünen-Politikerin aus NRW auf Twitter den heftig kritisierten Vergleich „Ob Nazis oder Kohle – Braun ist immer Scheiße“ verbreitet hat. Sie hat sich dafür entschuldigt, aber das hat sich im Gedächtnis der Braunkohlebeschäftigten regelrecht eingebrannt. Man sollte die Lebenswirklichkeiten der von ökologischen Umwälzungen betroffenen Menschen anerkennen, klare Alternativen aufzeigen und ihn reinen Wein einschenken. Dann wird man bei ihnen auch Gehör finden; alles andere stärkt die Partei der Klimaleugner und -relativierer.

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Die für November 2021 angekündigten Veranstaltungen mit Klaus Dörre werden 2022 stattfinden. Termine werden auf der Website angekündigt.

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