Homeoffice gefragt wie nie

Beschäftigte zu Digitalisierung und Corona-Krise befragt

Die Zahl der Beschäftigten, die von zu Hause aus arbeiten, hat sich seit Beginn der CoronaPandemie mehr als verdoppelt. Das und mehr geht aus der dritten Beschäftigtenbefragung hervor, die die Arbeitnehmerkammer mit dem Titel „Koordinaten der Arbeit im Land Bremen“ vorgelegt hat.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

Der Arbeitsplatz von Tobias Seidel ist der Tisch in seinem Esszimmer. Als die CoronaPandemie voriges Jahr über das Land hereinbrach, packten er und seine Büro-Kollegen von einem Tag auf den anderen ihre Monitore und Laptops zusammen und gingen ins Homeoffice. Dort, in seiner Wohnung in der Bremer Neustadt, sitzt er nun von morgens bis spätnachmittags auf einem typischen Esszimmer-Stuhl und das jetzt schon seit anderthalb Jahren.

„Mein Chef wollte mir sofort zwei große neue Monitore bestellen“, erzählt er, „aber das wollte ich gar nicht. Es würde mich stören, wenn da zwei so riesige Teile herumstehen.“ Während er seine Gerätschaften anfangs noch jeden Abend ordentlich beiseite räumte, lässt er inzwischen alles einfach stehen – es sei denn, es kommt Besuch zum Essen.

Der 31-Jährige arbeitet für ein Energieberatungsunternehmen, das seinen Hauptsitz in Heidelberg und eine Außenstelle in Bremen hat. Für ihn ist dies der erste Job nach Abschluss seines Geografie-Studiums. Schon in seiner Masterarbeit hatte er sich mit dem deutschen Energiemarkt beschäftigt. Nach einem knappen Jahr als Werkstudent ist er nun seit Anfang 2020 als Energieberater festangestellt.

„Das war in der ersten Zeit schwierig für mich“, sagt er rückblickend. „Ich war erst wenige Monate im Büro, als wir ins Homeoffice gewechselt sind. Viele unserer Bestandskunden habe ich bis heute noch nicht persönlich gesehen.“ Auch der Austausch mit den Kollegen, sowohl fachlich als auch privat, fehle ihm. „Auf der anderen Seite finde ich es aber auch angenehm, zwischendurch mal die Wäsche machen oder einkaufen gehen zu können“, sagt Seidel. Gerade in den ersten Wochen habe er die neuen Freiheiten ausgekostet und sich zum Beispiel mittags einen kurzen Schlaf gegönnt. „Aber das hat schnell an Reiz verloren.“

Die Arbeit blieb trotzdem nicht liegen, auch wenn die Disziplinierung anders funktioniere als im Büro. Was er über die Monate beibehalten hat, ist ein den Umständen angepasster bequemer Kleidungsstil: „Wenn ich nicht gerade in einer Video-Konferenz sitze, genieße ich es, in Jogginghose und Sweatshirt zu arbeiten.“

Porträtfoto von Tobias Seidel

„Ich war erst wenige Monate im Büro, als wir ins Homeoffice gewechselt sind. Viele unserer Bestandskunden habe ich bis heute noch nicht persönlich gesehen. Auch der Austausch mit den Kollegen, sowohl fachlich als auch privat, fehlt mir. Auf der anderen Seite finde ich es aber auch angenehm, zwischendurch mal die Wäsche machen oder einkaufen gehen zu können.“
Tobias Seidel

Vorteile des Homeoffice überwiegen

Ähnliche Erfahrungen wie Tobias Seidel haben zuletzt Tausende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Bremen gemacht. Zwischen 2019 und 2021 hat sich hier die Zahl der im Homeoffice Arbeitenden von 19 auf 41  Prozent mehr als verdoppelt: Das geht aus der Beschäftigtenbefragung mit dem Titel „Koordinaten der Arbeit im Land Bremen“ hervor, für den das Sozialforschungsinstitut infas im Auftrag der Arbeitnehmerkammer nun schon zum dritten Mal die Arbeitssituation von Bremer Beschäftigten erfasst und ausgewertet hat.

Besondere Schwerpunkte der diesjährigen Befragung waren die Digitalisierung der Arbeitswelt und die Auswirkungen der Corona-Krise – bei beiden Aspekten spielte die Zunahme der Homeoffice-Nutzung eine wichtige Rolle. Für diejenigen, die im Homeoffice arbeiten, überwiegen demnach die Vorteile: Zwei Drittel von ihnen können nach eigenen Angaben zu Hause konzentrierter arbeiten als im Büro. Jeweils mehr als 80 Prozent heben Zeitgewinne durch eingesparte Arbeitswege sowie eine bessere Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben als positive Effekte hervor. Als Schwachpunkte werden Entgrenzungserfahrungen und wenig Kontakt zu Kollegen und Vorgesetzten gesehen.

Sorge vor Ansteckungsrisiko und gesellschaftliche Anerkennung ungleich verteilt

Nicht überraschend zeigt die Beschäftigtenbefragung auch, dass mit 73 Prozent die weit überwiegende Zahl der im Homeoffice Arbeitenden ihr Risiko als niedrig einschätzen, sich im beruflichen Umfeld mit dem Corona-Virus zu infizieren. Bei Berufsgruppen, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, sieht das deutlich anders aus.

Besonders stark ausgeprägt ist die Sorge vor einer Infektion im Bereich Unterricht (94 Prozent). Dort fühlt sich die Hälfte der Beschäftigten von ihrem Arbeitgeber nicht ausreichend vor Corona geschützt.

Auch im Gesundheitswesen und insbesondere in den Krankenhäusern sehen die Beschäftigten hohe Infektionsrisiken für sich (82 Prozent). Die Beschäftigten aus Gesundheitsberufen sind im Verlauf der Corona-Pandemie immer wieder in den medialen Fokus gerückt. Die Befragung macht nun deutlich, dass gerade sie sich heute gesellschaftlich noch weniger anerkannt fühlen als in der vorherigen Befragung aus dem Jahr 2019.

Keine Berufsgruppe schätzt den gesellschaftlichen Beitrag ihrer Arbeit höher ein, identifiziert sich so stark damit (jeweils 92 Prozent in hohem und sehr hohem Maß) und sieht sich zugleich so wenig anerkannt. Beinahe die Hälfte (46 Prozent) fühlt sich gesellschaftlich zu wenig wertgeschätzt. „Die Situation in den Gesundheitsberufen lässt sich nach diesen Ergebnissen nur als dramatisch beschreiben“, betont Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik bei der Arbeitnehmerkammer. „Gesellschaftliche Anerkennung bemisst sich am Ende in guten Arbeitsbedingungen, in Schutz vor besonderen Risiken und in guter Bezahlung. Da muss sich jetzt ganz dringend der Wind drehen.“

Digitalisierung auf konventionellen Bahnen

Mit Blick auf den digitalen Wandel ist aus der Perspektive der Beschäftigten im Land Bremen eher Stillstand als der erwartete Schub festzustellen. Klassische digitale Geräte und Kommunikationsmedien für Büroarbeitsplätze werden zwar insgesamt viel genutzt, hingegen haben innovative Technologien wie Roboter, Datenbrillen oder 3-D-Drucker weiter keine hohe Verbreitung.

Dennoch sind qualitative Veränderungen durch die Digitalisierung der Arbeitswelt klar erkennbar: So hat bei mehr als einem Drittel der Befragten der Einsatz digitaler Technologien in hohem Maß zu Veränderungen beim Aufgabenzuschnitt oder bei der Arbeitsorganisation geführt.

Eine große Mehrheit gibt zudem an, Fähigkeiten und Kompetenzen aufgrund der technologischen Neuerungen ständig weiterentwickeln zu müssen. „Bei der Unterstützung im digitalen Wandel durch den Betrieb sehen viele Befragte noch Luft nach oben“, macht Regine Geraedts deutlich. „Gerade die Beschäftigten, die sie am meisten brauchen, fühlen sich am wenigsten mitgenommen. Sie bekommen auch am seltensten Möglichkeiten sich weiterzubilden. Da sollte die Politik klug gegensteuern.“

 

Homeoffice vertraglich regeln

Wenn auch der große Digitalisierungsschub durch die Pandemie bisher ausgeblieben zu sein scheint, so hat aber doch die Homeoffice-Nutzung zugenommen. Und davon wird etwas bleiben. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass auch hier einiges zu tun bleibt. Denn für nicht einmal die Hälfte der Befragten gibt es im Betrieb verbindlich vereinbarte Regelungen für diese Arbeitsform, sei es nun individualvertraglich, tariflich oder per Betriebsvereinbarung. Dabei wäre genau das wichtig, denn nur so lässt sich die von vielen Beschäftigten ausdrücklich gewünschte Arbeit von zu Hause gut und (rechts-)sicher gestalten. Die Abteilung Mitbestimmung und Technologieberatung der Arbeitnehmerkammer rät deswegen Betriebs- und Personalräten dazu, eine schriftliche Vereinbarung zu diesem Thema zu erarbeiten, und hat zur inhaltlichen Unterstützung eine Broschüre mit dem Titel „Home sweet home“ veröffentlicht.

Betriebsvereinbarung regelt die Details

Eine solche Betriebsvereinbarung gibt es seit vorigem Sommer bei der Bremer dbh Logistics IT AG. Darin ist unter anderem geregelt, dass die knapp 260  Beschäftigten grundsätzlich zwischen 40, 60 oder 100 Prozent Präsenz im Firmenbüro wählen können.

Eine komplette Beschäftigung im Homeoffice habe sein Arbeitgeber in der Vereinbarung ausschließen wollen, berichtet Betriebsrat Rainer Ley: „Es gibt aber die Möglichkeit, das bei Interesse individualvertraglich zu regeln.“ Gut zwei Drittel der Belegschaft hätten sich schon zum Homeoffice angemeldet, davon jeweils die Hälfte für 40 und für 60 Prozent.

Im Vorfeld hatten Betriebsrat und Chef-Etage zusammen eine Check-Liste erarbeitet, in der die Rahmenbedingungen zur Gestaltung des heimischen Arbeitsplatzes beschrieben sind – also etwa die Höhe des Schreibtisches, die Position des Stuhls und anderes mehr. „Wenn die Pandemie vorbei ist und alles wieder normal läuft, werden die Kolleginnen und Kollegen nachweisen müssen, dass ihr Arbeitsplatz wirklich so aussieht wie in der Checkliste festgehalten“, erläutert Ley. „Wahrscheinlich wird dieser Nachweis dann per Foto erfolgen.“

Nur in einem Punkt konnte bisher keine Einigung mit der Unternehmensleitung erzielt werden: Der Betriebsrat würde gerne als Kostenbeteiligung an der Büroausstattung sowie an Strom- und Internetkosten eine monatliche Pauschale vereinbaren. „Da wurde uns aber gesagt, dass es wegen der aktuell erhöhten Kosten für die technische Ausstattung momentan kein Geld dafür gibt. Wir haben uns deswegen darauf geeinigt, darüber in einem Jahr zu verhandeln.“

Unterdessen freut sich Energieberater Tobias Seidel darauf, dass er bald wieder ins Büro gehen wird und dann auch persönlich mit seinen Kollegen und Kunden sprechen kann. Die Vorteile, die sich für ihn aus der Arbeit im Homeoffice ergeben, will er aber nicht mehr missen. „Ich verhandele gerade mit meinem Chef, dass ich künftig die Hälfte der Zeit von zu Hause aus tätig sein kann“, erzählt der 31-Jährige. „Hier kann ich konzentrierter arbeiten und mir die Zeit anders einteilen. Und außerdem muss ich mir keine unbequeme Hose anziehen.“

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Welche rechtlichen Grundlagen gibt es zum Thema Homeoffice? Welche Mitbestimmungsrechte haben Betriebs- und Personalräte? Worauf ist beim Erstellen einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung zu achten? Wer trägt die Kosten, die für die Geräte und ihren Betrieb anfallen? Und wie lässt sich eine gesunde Balance zwischen Privatem und Arbeit gewährleisten? Fragen wie diese beantwortet die Broschüre „Home sweet home – Homeoffice beschäftigtengerecht gestalten“ (PDF) der Abteilung Mitbestimmung und Technologieberatung der Arbeitnehmerkammer. 

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